UVV-Dienst: Details aus dem Unfallbericht der Unfallkasse NRW vorgestellt...
„Wir rennen da rein, wo andere rausrennen!“ – dieser oft zitierte Satz dient Bürgerinnen und Bürgern als kurze und vereinfachte Erklärung für den Auftrag der Feuerwehr und macht eine Tatsache unmissverständlich klar: Der Dienst in der Feuerwehr – unabhängig davon, ob hauptberuflich oder ehrenamtlich – ist mitunter lebensgefährlich.
Ob ausgedehnte Brände im Freien oder in geschlossenen Gebäuden, komplexe technische Hilfeleistungen oder der Umgang mit gefährlichen Gütern und Stoffen – jeder Einsatz birgt Risiken und kann schwerwiegende Folgen für die Einsatzkräfte und ihre Familien haben, unabhängig vom Ausbildungsstand oder der Modernität der eingesetzten Schutzausrüstung. Ein besonders bewegendes Beispiel hierfür ist der tragische Tod zweier Einsatzkräfte der Feuerwehr im Rahmen eines ausgedehnten Gebäudebrandes Mitte 2023 in der Stadt Sankt Augustin im Rhein-Sieg-Kreis.
Am 18. Juni 2023 wurden Einsatzkräfte der Feuerwehr Sankt Augustin gegen kurz vor 12:00 Uhr zu einem Brandausbruch in einem Motorradgeschäft alarmiert. Das Objekt befand sich in einem Bereich mit sehr enger und schwer zugänglicher Bebauung. Der erste Angriffstrupp, bestehend aus drei Einsatzkräften, ging zur Personensuche in das Brandobjekt vor. Bereits nach kurzer Zeit brach die Funkverbindung ab. Der eingesetzte Sicherheitstrupp konnte nur eine der drei Personen antreffen und sicher ins Freie begleiten. Die beiden weiteren Einsatzkräfte galten zunächst als vermisst.
Aufgrund einer massiven Brandausbreitung sowie einer extremen Hitzestrahlung war es den zur Hilfe geeilten Einsatzkräften nicht möglich, weiter in das Objekt vorzudringen, um ihre Kameradinnen und Kameraden zu erreichen. Die beiden Vermissten – eine junge Feuerwehrfrau und ein junger Feuerwehrmann – überlebten diesen Einsatz nicht und konnten später nur noch tot geborgen werden.
Im Januar 2025 veröffentlichte die Unfallkasse NRW, die auch für die Feuerwehren in Nordrhein-Westfalen zuständig ist, einen umfangreichen Abschlussbericht zur Unfallermittlung. Ziel des Berichts ist es, den Einsatz- und Brandverlauf zu rekonstruieren und der Frage nachzugehen, warum die beiden Einsatzkräfte bei diesem Einsatz ihr Leben verloren haben.
Einer der Mitwirkenden an diesem Unfallbericht ist Jürgen Buil. Er ist Mitglied der Feuerwehr Kleve und dort unter anderem für die Aus- und Fortbildung verantwortlich. Darüber hinaus engagiert er sich in der Arbeitsgruppe „Realbrand“ im Arbeitskreis Ausbildung, Schulung und Einsatz NRW sowie im Fachausschuss Ausbildung und Einsatz des Verbandes der Feuerwehren in Nordrhein-Westfalen.
Am vergangenen Donnerstag folgte Jürgen Buil der Einladung unseres Kameraden Nico Matuczak und hielt im Gerätehaus Ochtrup einen Präventionsvortrag über die Ereignisse in Sankt Augustin.
„Diesen Vortrag durchs Land zu tragen und immer wieder zu halten, ist mir sehr wichtig. Aus Ereignissen wie in Sankt Augustin können – und vor allem müssen – wir lernen“, begrüßte Jürgen Buil die Kameradinnen und Kameraden aller vier Löschzüge an diesem Abend. „Das, was wir tun, ist und bleibt gefährlich“, so der Experte, der mit der Erstellung von 3D-Modellen sowie der detaillierten Beschreibung des Brandverlaufs maßgeblich an den Untersuchungen beteiligt war.








Eine bedrückte und zugleich ununterbrochen interessierte Stimmung lag an diesem Abend im Schulungsraum der Feuerwehr Ochtrup in der Luft. In detaillierten Schritten – vom Eingang der ersten Notrufe bis zum Abschluss des mehrere Stunden andauernden Einsatzes – referierte Jürgen Buil über die im Rahmen der Untersuchungen gewonnenen Erkenntnisse, die aller Wahrscheinlichkeit nach zum Tod der beiden jungen Einsatzkräfte geführt haben.
Im Verlauf des Arbeits- und Untersuchungsablaufs erläuterte Buil das Vorgehen der Sachverständigen und zeigte den Ochtruper Feuerwehrleuten zunächst die ersten Minuten nach Notrufeingang auf. Darüber hinaus ging er auf die komplexe und zugleich unübersichtliche Gebäudestruktur des Brandobjekts ein: ein ehemaliges Theater aus dem Jahr um 1904, geprägt von zahlreichen An- und Umbauten der vergangenen Jahrzehnte, das zuletzt als Motorradwerkstatt und Ladenlokal genutzt wurde.
Es folgten ausführliche Beschreibungen der unmittelbar nach dem Eintreffen des ersten Löschfahrzeuges getroffenen feuerwehrtechnischen Maßnahmen. Ein besonderer Fokus lag dabei auf den eingeschränkten Möglichkeiten während der ersten Erkundung, dem Verhalten des vorgehenden Angriffstrupps sowie den Herausforderungen und Brandphänomenen, denen die Einsatzkräfte beim Vorgehen im Inneren des Gebäudes ausgesetzt waren.
Im Rahmen der Untersuchungen konnten die Sachverständigen einen schweren Schlauchplatzer während eines Rückzugsversuchs als gravierenden Wendepunkt im Einsatzgeschehen identifizieren. Jürgen Buil erläuterte hierzu anhand zahlreicher wissenschaftlicher Erkenntnisse und feuerwehrtechnischer Grundlagen die Folgen für den weiteren Brand- und Einsatzverlauf sowie insbesondere für die betroffenen Einsatzkräfte.
Ein weiteres Augenmerk legte der Experte in seinem Vortrag auf den mutmaßlichen Ort der Brandentstehung, den Brandverlauf sowie die gebäudebedingten Volumenströme. Diese begünstigten eine rasante Brandausbreitung und führten dazu, dass sich das Feuer binnen kürzester Zeit zu einem Großbrand entwickelte. Den im Außenbereich eingesetzten Kräften war es dadurch nicht mehr möglich, ihren vermissten Kameradinnen und Kameraden zur Hilfe zu eilen.
Der Abschlussbericht der Unfallkasse NRW kommt in seinem Fazit zu einer klaren Erkenntnis: Der Tod der beiden jungen Einsatzkräfte ist in erster Linie als tragischer Unfall zu bewerten. Dieser war das Ergebnis mehrerer negativer Einflussfaktoren, die für die eingesetzten Kräfte von außen nicht erkennbar waren, sowie eines Schlauchplatzers mit folgenschwerem Ausmaß.
Unfälle wie dieser lassen sich nicht vollständig verhindern – ihr Risiko kann jedoch reduziert werden. Darin zeigte sich auch Jürgen Buil am Ende seines Vortrages überzeugt. Zeitgemäße und verpflichtende Realbrandausbildung, intensivere taktische Schulungen für Atemschutzgeräteträger, umfassende Aus- und Fortbildungen zum sicheren Innenangriff sowie zum Umgang mit der Wärmebildkamera und nicht zuletzt eine stärkere Fokussierung des Außenangriffs seien aus seiner Sicht nur einige der entscheidenden Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit bei solchen Einsätzen.
Denn eines eint alle Einsatzkräfte: der Wunsch, nach dem Einsatz gesund und unversehrt zu den eigenen Freundinnen, Freunden und Familien zurückzukehren.
Die Feuerwehr Ochtrup bedankt sich herzlich bei Jürgen Buil für seinen lehrreichen und zugleich mahnenden Vortrag, der eindringlich aufgezeigt hat, wie gefährlich unser Hobby sein kann und wie wichtig eine fundierte Aus- und Fortbildung sowie hochwertige Ausrüstung für die Sicherheit der Einsatzkräfte sind…