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Taubenrettung – „Mama ich muss der Feuerwehr helfen…“

Wenn die Großen von den Kleinen lernen...

Einsätze abseits der Routine? Für die Feuerwehr in der Regel nichts Alltägliches, aber auch nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich ist es hingegen schon, wenn die rettende Idee von einem 11-jährigen jungen Mann kommt, der mit seiner Angelausrüstung die Frauen und Männer der Feuerwehr an der Einsatzstelle verdammt alt aussehen lässt. Aber nun erst mal die ganze Geschichte von Anfang an…

Es sollte eigentlich ein ganz normaler Samstagnachmittag für die Frauen und Männer des aktuell laufenden Truppmannlehrgangs und deren Ausbilder werden. Bei strahlendem Sonnenschein waren sie gerade damit beschäftigt, die zuvor benutzten Gerätschaften und Fahrzeuge wieder einsatzbereit zu machen, als ein besorgter Bürger vor dem Feuerwehrgerätehaus in Langenhorst vorfuhr. Er meldete den Einsatzkräften, dass sich eine Taube in Bereich des Seeufers an der Eichendorffallee in einer hilflosen Lage befände.

Es war die Gelegenheit für Ausbildungsleiter André Thiele, die Fähigkeiten seiner Anwärtergruppe auf den Prüfstand zu stellen und zu gucken, was die Frauen und Männer in den letzten Wochen und Monaten gelernt haben. Dass dieser Einsatz jedoch auch ihn und alle anderen Mitstreiter später einmal ratlos machen würde, ahnte zu diesem Zeitpunkt noch keiner. Aber erstmal hieß es Fahrzeuge besetzen, Einsatz der Leitstelle in Rheine melden und ab ging es Richtung Eichendorffallee.

An der Einsatzstelle angekommen, stellte sich die Lage wie folgt dar: Eine sogenannte „Holztaube“ (wie sich später herausstellte) hat sich in einer von einem Baum bzw. größeren Ast herabhängenden Angelschnur verfangen und konnte sich selbst nicht mehr befreien.

Hört sich alles erstmal nach einer kurzen Nummer für die Feuerwehr an. Leiter aufstellen, Schnur durchtrennen und Taube befreien. Ganz so einfach wie gedacht war das jedoch nicht. Denn das große Problem an der ganzen Sache war, dass der besagte Ast einige Meter in Richtung See-Mitte ragte und vom Ufer aus nicht zu erreichen war. Auch die Idee die Taube über den Teleskopmast zu erreichen konnte angesichts der fehlenden Aufstellmöglichkeiten schnell über den Haufen geworfen werden. Und so begann das gemeinsame „Brainstorming“ von Thiele und seiner Anwärtergruppe, während die Taube ihre Befreiungsversuch fortsetzte. Von Kletterversuchen bis Abseiltaktiken wurden die interessantesten Ideen in den Raum geworfen – keine von ihnen war im Endeffekt wirklich machbar oder wäre mit der Unfallkasse vereinbar gewesen… 😉 

nach erfolgter "Rehabilitation"... 🙂

Während die Köpfe der jungen Einsatzkräfte zu qualmen begann, näherte sich ein junger Mann auf seinen Tretroller der Einsatzstelle. Wenn die Feuerwehr schon nicht weiterweiß, warum nicht mal die Kinder fragen, so der Vorschlag einer jungen Kameradin. Kinder haben schließlich immer andere Ideen als Erwachsene – gesagt, getan. Ben, so der Name unseres 11-jährigen „Taktikers“ wie sich später herausstellte, kam nach kurzer Erkundungsphase schnell eine Idee.

So plötzlich wie Ben da war, so schnell fuhr er mit den Worten „ich bin gleich wieder da“ mit seinem Tretroller auch wieder Richtung Zuhause. Dort angekommen war auch keine Zeit für lange Erklärungen. Mit dem Satz „Mama ich muss der Feuerwehr helfen“ schnappte sich Ben seine Angelausrüstung und flitzte wieder aus dem Haus.

Wieder an der Eichendorfallee angekommen, erklärte Ben André Thiele und der Anwärtergruppe seinen Plan genauer. An seiner vier Meter langen Angelrute könne man vorne ein Messer befestigen und das Seil vom Ufer aus versuchen zu durchtrennen. Gleichzeitig müsste jemand die Taube mittels mitgebrachten Kescher aus dem See retten. Angesichts dieses genialen Plans übergab Thiele Ben seine Gruppenführerweste – „deine Idee, deine Mannschaft“.

Schnell wurde am Ende der Rute ein von der Feuerwehr mitgebrachtes Skalpell befestigt. Parallel hierzu stieg ein Feuerwehrmann in eine Wathose und begab sich mit dem Kescher bewaffnet in den See. Gruppenführer Ben gab hierbei klare Kommandos, denn er kennt den See und seine Tücken als erfahrener Angler praktisch wie seine Westentasche. Und bereits nach dem zweiten Anlauf ist es der Gruppe gelungen, die Anglerschnur zu durchtrennen und die Taube aus ihrer misslichen Lage zu befreien.

Sichtlich beeindruckt durfte ein gemeinsames Foto mit Ben und der Feuerwehr vor dem großen Löschfahrzeug natürlich nicht fehlen. Ein solch aufgeweckter junger Mann ist Thiele und seinen Mitstreitern selten über den Weg gelaufen. Und genau aus diesem Grund, war es den Verantwortlichen ein großes Bedürfnis Ben für seine großartige Unterstützung „Danke“ zu sagen.

Am vergangenen Samstag machten sich André Thiele und Frank Piel – stellv. Leiter der Feuerwehr -, welcher ebenfalls zufällig bei dem Einsatz an der Eichendorffallee dabei war, auf den Weg zu Ben nach Hause. Im Gepäck das besagte Bild eingerahmt und mit einer Tafel Kinderschokolade verziert. Auf die Frage „Kennst du uns noch?“ antwortet Ben mit einen breiten Grinsen „Natürlich! Von der Taube an der Kirche“.

Im Beisein seiner Eltern wollten sich die beiden nochmals für Bens Engagement bedanken und ihm das mitgebrachte Bild als kleines Dankeschön überreichen. Ben berichtete dabei, dass er die Taube nach der Rettungsaktion mit zu sich nach Hause genommen und dort aufgepäppelt hat. Quasi wie eine „Reha für Tauben“ kümmerte sich Ben und seine Familie liebevoll um die Taube, welche einfach nicht mehr fliegen wollte. Untergebracht in einem Kaninchenstall wurde sie mit Maden, Eicheln und Co. wieder gesundgefüttert, sodass sie nach zwei Wochen wieder von Bens Auffangstation in die Lüfte starten konnte.

Dies ist eine Geschichte, welche André Thiele und Frank Piel, aber bestimmt auch Ben und seine Familie so schnell nicht wieder vergessen werden. Und wer weiß, vielleicht ist Ben bei dem nächsten kniffeligen Fall wieder mit dabei. Aber dieses Mal als einer von uns… 😉